Texte über Tod und Trost

Gedichte und Worte, die seit Jahrhunderten Menschen durch die schwersten Stunden tragen. Alle Texte sind gemeinfrei und dürfen frei verwendet werden — für Trauerkarten, Reden, Anzeigen oder einfach für sich selbst.

Alle Texte auf dieser Seite sind gemeinfrei (Public Domain). Das bedeutet: Sie dürfen sie kopieren, drucken, in Trauerkarten verwenden, bei Reden vorlesen oder auf Grabsteine setzen lassen — ohne Genehmigung, ohne Kosten. Wir haben bewusst nur Werke aufgenommen, deren Urheber seit mehr als 70 Jahren verstorben sind.

Deutsche Dichter

Rainer Maria Rilke (1875–1926)

Rilke gilt als einer der bedeutendsten Lyriker der deutschen Sprache. Kaum ein Dichter hat so eindringlich über Tod, Vergänglichkeit und die Tiefe des Menschseins geschrieben. Seine Gedichte finden sich auf unzähligen Trauerkarten und Grabsteinen — zurecht.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

— Rainer Maria Rilke, „Schlussstück" (aus: Das Buch der Bilder, 1902)

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

— Rainer Maria Rilke, „Herbst" (1902)

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

— Rainer Maria Rilke, „Herbsttag" (1902). Kein Trauergedicht im engeren Sinne — aber ein Gedicht über Einsamkeit, Vergänglichkeit und die Dinge, die wir nicht mehr ändern können.

O Herr, gib jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

— Rainer Maria Rilke, aus: „Das Buch von der Armut und vom Tode" (Das Stundenbuch, 1903)

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

Goethe schrieb über alles, was den Menschen bewegt — Liebe, Natur, Wissenschaft und den Tod. Sein berühmtestes Gedicht über das Sterben ist zugleich eines seiner rätselhaftesten und schönsten.

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du, Schmetterling, verbrannt.

Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

— Johann Wolfgang von Goethe, „Selige Sehnsucht" (aus: West-östlicher Divan, 1819). „Stirb und werde" — zwei Worte, die das ganze Geheimnis des Lebens und Sterbens zusammenfassen.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

— Johann Wolfgang von Goethe, „Wandrers Nachtlied II" (1780). Eines der berühmtesten deutschen Gedichte überhaupt. Goethe schrieb es mit Bleistift an die Wand einer Berghütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau.

Dietrich Bonhoeffer (1906–1945)

Der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer schrieb sein bekanntestes Gedicht im Dezember 1944 in der Gestapo-Haft — wenige Monate vor seiner Hinrichtung. Die Worte standen als Weihnachtsgruß in seinem letzten Brief an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Heute finden sie sich auf unzähligen Trauerkarten und in Gottesdiensten.

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

— Dietrich Bonhoeffer, „Von guten Mächten" (Dezember 1944, geschrieben in Gestapo-Haft). Die hier wiedergegebenen Strophen sind die am häufigsten verwendeten; das Originalgedicht umfasst sieben Strophen.

Theodor Fontane (1819–1898)

Fontane, vor allem als Romanautor bekannt, schrieb auch Gedichte von überraschender Zartheit. Sein bekanntestes Trauergedicht ist eigentlich ein Gedicht über Geduld — und gerade deshalb so tröstlich.

Überlass es der Zeit.

Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit,
Beruhig dich erst, überlass es der Zeit.

Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,
Am zweiten lässt du dein Leid schon gelten,
Am dritten hast du's überwunden;
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Zeit ist Lifter.

— Theodor Fontane, „Überlass es der Zeit". Kein großes philosophisches Werk — aber in seiner Schlichtheit genau das, was man manchmal braucht.

Internationale Stimmen

Khalil Gibran (1883–1931)

Der libanesisch-amerikanische Dichter und Philosoph schrieb 1923 „Der Prophet" — eines der meistgelesenen Bücher des 20. Jahrhunderts. Sein Kapitel über den Tod gehört zu den schönsten Texten, die je über das Sterben geschrieben wurden. Hier auf Deutsch wiedergegeben.

Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennen.
Aber wie werdet ihr es finden, wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht?

Die Eule, deren nachtgebundene Augen blind sind am Tag,
kann das Geheimnis des Lichts nicht enthüllen.

Wenn ihr wirklich den Geist des Todes schauen wollt,
öffnet euer Herz weit dem Körper des Lebens.
Denn Leben und Tod sind eins,
so wie der Fluss und das Meer eins sind.

In der Tiefe eurer Hoffnungen und Sehnsüchte
liegt euer stilles Wissen vom Jenseits;
und wie Samen, die unter dem Schnee träumen,
träumt euer Herz vom Frühling.
Vertraut den Träumen,
denn in ihnen verbirgt sich das Tor zur Ewigkeit.

Denn was ist es zu sterben,
als nackt im Wind zu stehen und in die Sonne zu schmelzen?
Und was ist es, das Atmen einzustellen,
als den Atem zu befreien von seinen rastlosen Gezeiten,
damit er sich erheben und ausdehnen
und ungehindert Gott suchen kann?

Erst wenn ihr aus dem Fluss der Stille trinkt,
werdet ihr wirklich singen.
Und wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt,
dann erst werdet ihr zu steigen beginnen.
Und wenn die Erde eure Glieder fordert,
dann erst werdet ihr wahrhaft tanzen.

— Khalil Gibran, „Über den Tod" (aus: Der Prophet, 1923). Deutsche Übertragung. Das Original ist in englischer Sprache verfasst und gemeinfrei.

Rabindranath Tagore (1861–1941)

Der bengalische Dichter und Nobelpreisträger verlor zwischen 1902 und 1907 seine Frau und zwei Kinder. Aus diesem Schmerz entstand eine Poesie, die den Tod nicht als Feind sieht, sondern als Teil derselben Strömung, die auch das Leben trägt.

Friede, mein Herz, lass die Zeit des Abschieds sanft sein.
Lass es nicht ein Sterben sein — sondern eine Vollendung.
Lass die Liebe sich in Erinnerung verwandeln
und den Schmerz in Lieder.

Lass das Fliegen durch den Himmel
in einem Falten der Flügel enden
über dem Nest.
Lass den letzten Gruß des Abends
zu den einsamen Sternen lächeln
und sich dort in Stille verlieren.

— Rabindranath Tagore, aus „Der Gärtner" (Nr. 61, 1913). Deutsche Übertragung. Tagore erhielt 1913 den Nobelpreis für Literatur.

Die Zeit ist endlos in deinen Händen, mein Herr.
Niemand ist da, deine Minuten zu zählen.

Tage und Nächte vergehen
und Zeitalter blühen und verwelken wie Blumen.
Du weißt zu warten.

— Rabindranath Tagore, aus „Gitanjali" (Nr. 82, 1912). Deutsche Übertragung.

Dschalāl ad-Dīn Rūmī (1207–1273)

Der persische Dichter und Sufi-Mystiker schrieb vor 750 Jahren über den Tod — und seine Worte haben nichts von ihrer Kraft verloren. Für Rumi war der Tod keine Vernichtung, sondern eine Verwandlung: der Moment, in dem die Seele zu dem zurückkehrt, woher sie kam.

An dem Tag, an dem ich sterbe,
wenn mein Sarg vorbeigetragen wird,
glaube nicht, dass ich Schmerz empfinde,
weil ich diese Welt verlasse.

Weine nicht für mich,
sage nicht: „Wie traurig, wie traurig!"
Du fällst in die Falle des Teufels —
das wäre wahrhaft traurig.

Wenn du meinen Leichnam siehst,
sage nicht: „Er ist gegangen, er ist gegangen."
Vereinigung und Begegnung
sind für mich.

Wenn du mich ins Grab legst,
sage nicht: „Lebwohl, lebwohl."
Denn das Grab ist ein Vorhang
vor dem Zusammensein im Paradies.

— Dschalāl ad-Dīn Rūmī (13. Jahrhundert). Deutsche Übertragung aus dem Persischen. Rumi wurde in der heutigen Türkei begraben; sein Grab in Konya ist bis heute ein Pilgerort.

Fürchte dich nicht vor dem Tod.
Du bist eine unsterbliche Seele.
Du kannst nicht in einem dunklen Grab gehalten werden.
Du bist erfüllt von Gottes Licht.

— Dschalāl ad-Dīn Rūmī. Deutsche Übertragung.

Marcus Aurelius (121–180)

Der römische Kaiser und stoische Philosoph schrieb seine „Selbstbetrachtungen" als private Notizen — ein Gespräch mit sich selbst über das Leben und den Tod. Fast zweitausend Jahre später sind seine Gedanken über die Sterblichkeit erschütternd aktuell.

Denke nicht verächtlich vom Tod,
sondern blicke ihm wohlwollend entgegen;
denn auch der Tod ist eines der Dinge,
die die Natur will.

— Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen (IX, 3). Deutsche Übertragung.

Du könntest das Leben jetzt verlassen.
Lass das bestimmen, was du tust und sagst und denkst.

— Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen (II, 11). Deutsche Übertragung.

Handle nicht so, als würdest du zehntausend Jahre leben.
Der Tod schwebt über dir.
Solange du lebst, solange es in deiner Macht steht —
sei gut.

— Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen (IV, 17). Deutsche Übertragung.

Die am längsten Lebenden und die, die am ehesten sterben werden,
verlieren dasselbe.
Die Gegenwart ist alles, was sie hergeben können,
denn das ist alles, was sie haben,
und was man nicht hat,
kann man nicht verlieren.

— Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen (II, 14). Deutsche Übertragung.

Wie Sie diese Texte verwenden können

Anlass Besonders geeignet
Trauerkarte Rilke „Der Tod ist groß", Fontane „Überlass es der Zeit", Bonhoeffer „Von guten Mächten" (letzte Strophe)
Todesanzeige Rilke „Herbst" (letzte Strophe), Goethe „Wandrers Nachtlied", Bonhoeffer „Von guten Mächten" (letzte Strophe)
Trauerrede Gibran „Über den Tod", Tagore „Friede, mein Herz", Rumi „An dem Tag, an dem ich sterbe"
Grabstein Rilke „Der Tod ist groß" (Anfang), Goethe „Warte nur, balde ruhest du auch", Marcus Aurelius „Solange du lebst — sei gut"
Stille Momente Rilke „Herbsttag", Tagore „Die Zeit ist endlos", Marcus Aurelius „Du könntest das Leben jetzt verlassen"
Religiöser Kontext Bonhoeffer „Von guten Mächten", Rumi (Islam), Goethe „Selige Sehnsucht" (überkonfessionell)
Weltlicher Kontext Gibran, Marcus Aurelius, Rilke, Tagore
Islamische Trauerfeiern Rumi (als ergänzender Text neben den Koranrezitationen)
Zum Kopieren und Verwenden: Alle Texte auf dieser Seite sind gemeinfrei. Sie dürfen sie frei verwenden — auf Trauerkarten, in Todesanzeigen, bei Reden, auf Grabsteinen, in persönlichen Briefen. Keine Genehmigung nötig, keine Kosten. Bei den internationalen Texten handelt es sich um deutsche Übertragungen der gemeinfreien Originale.

Weitere Ratgeber